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In den Gängevierteln, in denen im Schnitt mehr als vier Menschen in einem Zimmer lebten und die Wohnungen eng, bedrückend und laut waren und in denen es wenige Plätze oder gar Parks zur Erholung gab, waren Räume zum Zusammenkommen und für das soziale Leben rar. Diese gerade für die Formierung der Arbeiterbewegung wichtigen Funktionen erfüllten in den Gängevierteln traditionell die Kneipen. Nach Feierabend versammelten sich die Arbeiter in den Eck- und Kellerkneipen des Viertels, um gemeinsam zu trinken und über Politik und Alltagsprobleme zu sprechen. Zusammengehörigkeitsgefühl wurde hier über Trinkrituale und ausgedehnte Diskussionen geschaffen. Neben den Rotlicht-Bars, Arbeiterkneipen und Läden für die lokale Unterwelt entstanden auch größere Veranstaltungsflächen, wie Tütge’s Etablissement im heutigen Engelsaal am Valentinskamp, das erste private Theater der Hansestadt und Vorläufer des Thalia Theaters, und der gegenüberliegende Concertsaal Auf dem Kamp.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelten sich in den ehemaligen proletarischen Kneipen verschiedene Subkulturen, die in deutlichem Kontrast zu der verschlossenen und aufs Private bezogenen Nachkriegsgesellschaft standen. Ein Beispiel hierfür war die „Palette“ in der ABC-Straße, die von Hubert Fichte in seinem gleichnamigen Roman porträtiert wurde. Um die „Palette“ herum sammelte sich eine Szene von Gammlern und Beatniks, die den Ausstieg aus der Lohnarbeit und maximale Freiheit propagierten. Die „Palette“ stellte bis in die 1960er-Jahre eine Institution der Szene dar, bis sie nach mehreren Drogenrazzien geschlossen wurde. Dabei war sie kein Einzelfall, sondern fügte sich in eine ganze Reihe subkultureller Lokale in der Gegend ein, von Jazz-Kellern bis zu Kneipen der Schwulen-Szene, die bereits seit den 1920er-Jahren ihr Zentrum in der Neustadt hatte. In dem benachbarten „Café Bohème“ verfügte die Stadt Hamburg 1960 ein Tanzverbot für Homosexuelle, ein einmaliger Vorfall in der Bundesrepublik.

Zeitgleich zog die Laeiszhalle, in der die Briten nach der Befreiung vom Nationalsozialismus den Radiosender British Forces Network (BFN) untergebracht hatten, swingbegeisterte Jugendliche an, die noch während des Faschismus verfolgt worden waren. Der Swing feierte seine Rückkehr nach Hamburg. Um das Funkhaus entstand schnell eine lebendige Szene, die die in der Halle stattfindenden Konzerte besuchte und mit dem Anglo-German Swing Club einen organisatorischen Rahmen für den Tausch von Platten und gemeinsame Konzertbesuche schuf. Die Swing-Jugend bewahrte dabei ihren radikalen und subkulturellen Charakter; noch 1955 setzte die Hamburger Polizei bei Ausschreitungen nach einem Louis- Armstrong-Konzert Wasserwerfer gegen die Besucher*innen ein.

Direkt gegenüber der Laeiszhalle entstand 1969 mit dem Madhouse eine weitere Institution, diesmal der Rock-Szene. Über 30 Jahre hielt sich der berühmte Club am Valentinskamp und zog in einer Zeit, in der auf St. Pauli die Zuhälter um die Macht kämpften, berühmte Gäste wie Mick Jagger und David Bowie, aber auch ein bunt gemischtes Feierpublikum an.

Bis heute haben sich Subkultur und Untergrund hartnäckig am Valentinskamp gehalten. Mit der Jupi Bar, der Fabrique, der Druckerei und den zahllosen kleineren Läden und Ateliers des aktuellen Gängeviertels bestehen hier weiterhin wichtige Clubs und Räume verschiedenster (Sub-)Kulturen, vom Techno über Punk bis zum Faltenrock, von der künstlerischen Bohème bis zu anarchischen Hausbesetzern.

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